„…das gewisse Etwas“

Talent, Genie und Charisma des Wjatscheslaw Gordejew

Der Absolvent der weltberühmten Moskauer Ballett-Akademie und einstige Star des Bolschoi Balletts wurde mit seinen Rollen in ‘Giselle’, ‘Schwanensee’ und ‘Dornröschen’
zum gefeierten Weltstar. Das New-York-Magazin schrieb Anfang der 1970er Jahre über Wjatscheslaw Gordejew: „Er hat dieselbe Klasse wie Baryshnikov oder der junge Nureyev“. Andere Kritiker erkannten bei ihm das Talent und das Charisma des legendären Nijinsky, in den USA nannten sie ihn gar einen „göttlichen Poeten“.

W. Gordejew als Spartakus in Aram Khachaturyan‘s gleichnamigem Ballett, aufgeführt am Staatlich Akademischen Bolschoi Ballett Theater der UDSSR 1983.
Schon vor dem Beginn einer umjubelten Karriere ein „außerst vielversprechendes Talent mit dem gewissen Etwas“.

Bereits als Kind, bei seinen ersten Schritten während des täglichen Tanztrainings, wurden seine Lehrer auf sein außergewöhnliches Talent aufmerksam. Er habe „das gewisse Etwas“, verkündet sein Lehrer und bestand darauf, er solle zur Zulassungsprüfung an der berühmten Moskauer Ballett-Akademie angemeldet werden. Von 600 Bewerbern wurden nur drei Kandidaten in die Elite-Akademie aufgenommen. Gordejew war einer von ihnen und nur ihm gelang dann später eine internationale Karriere. Dankbar bezeichnet Gordejew auch heute noch die umfassende Kompetenz und Autorität seiner damaligen Lehrer Pjotr Pestow, Assaf Messerer, Alexei Varlamov und Leonid Lavrovsky als unverzichtbar für seine Karriere, ganz zu schweigen von der Zusammenarbeit mit den Legenden Galina Ulanova und Marina Semyonova.

Als Student reiste Gordejew mit dem Ensemble der Moskauer Ballett Akademie nach Frankreich und England. Gordejew war der Liebling des Pariser Publikums, in London feierte man den Blondschopf voller Bewunderung als den „Golden Boy“.

W. Gordejew (Bildmitte) in der Meisterklasse mit Asaf Messerer (im Bild links) am Bolschoi Theater

Wjatscheslaw Gordejew mit Alexei Varlamov

Internationaler Durchbruch

Nicht zuletzt aufgrund dieses enormen Erfolges erhielt er unmittelbar nach seinem Abschluss an der Ballett Akademie ein Angebot des berühmten Bolschoi Balletts. Schon nach seinen ersten Auftritten galt Gordejew dort als äußerst vielversprechender Tänzer, auf den auch bald das Moskauer Fachpublikum aufmerksam geworden war. Rasch erreichte er die Position eines Solisten und gewann Dank seiner beispiellosen Energie und seines Willens gepaart mit Ehrgeiz und Zielstrebigkeit 1973 die Goldmedaille beim Internationalen Ballettwettbewerb in Moskau mit einem Auftritt, der neue Maßstäbe setzte. Bei den anschließenden ausgedehnten Auslandstourneen schaffte Gordejew dann endgültig den
internationalen Durchbruch und eroberte die Herzen des internationalen Publikums und die Aufmerksamkeit der Ballettkritiker im Sturm.

Er erweiterte sein Repertoire ständig und entwickelte Charaktere, die bisweilen drastisch kontrastierten: Die Nussknacker-Puppe und den Nussknacker-Prinzen, den Prinzen Desiré in „Dornröschen“, den Spartakus im gleichnamigen Ballett, sowie den Romeo in „Romeo und Julia“, den Basil in „Don Quixote“ und viele andere.

Seine Art der Interpretation, vor allem der Titelrolle in ‘Spartakus’, machte ihn zum Superstar in den Vereinigten Staaten, obwohl der Kalte Krieg nach dem Ende der sogenannten Tauwetter-Periode wieder verstärkt die internationalen Beziehungen prägte. Das renommierte Fachblatt Dance Magazin lobte ihn überschwänglich: „Ein hervorragender Techniker, mit lebendigem und sprühendem Timbre. Seine aristokratische Erscheinung besticht durch die exzellenten Körperformen und klassische Klarheit in jeder Bewegung … Gordejew dürfte derzeit der großartigste Tänzer der Welt sein!“ Das New-York-Magazin befand: „Er hat dieselbe Klasse wie Barischnikow oder der junge Nureyev“. Während jedoch diese beiden Stars – einst seine Mitschüler an der Moskauer Ballett-Akademie – ins Ausland emigrierten und zu Tanzlegenden und westlichen Society-Größen avancierten, blieb Gordejew dem „Mütterchen Russland“ treu. Hier allerdings setzte er tänzerische Standards, die auch international kaum je übertroffen wurden.

Wjatscheslaw Gordejew und Nadeshda Pavlova, „Der Nussknacker“ Bolschoi Ballett, Moskau 1986

Nina Ananiashvili und Gordejew in „Don Quixote“

Gordejew mit Elena Knyazkova in „Don Quixote“

Gordejew und Jana Kasanzewa in „La Giaconda“ (Tanz der Stunden), 1991 zum  Jubiläum des vom ihm übernommenen Ensembles auf der Bühne des größten Moskauer Konzertsaals „Rossia“

Gordejew übernimmt die künstlerische Leitung des von Irina Tichmirnova begründeten Moskauer Balletts.

Seine Aktivitäten wurden zunehmend vielseitiger: Einerseits führender Tänzer des Bolschoi Balletts absolvierte er andererseits noch zusätzlich Studiengänge sowohl für Choreographie am Staatlichen Institut der Theaterkünste als auch für Journalistik an der Moskauer Staatsuniversität. 1984 übernahm Gordejew die künstlerische Leitung des von Irina Tichmirnova begründeten Moskauer Balletts. Nach seinen ästhetisch-choreographischen Vorstellungen etablierte er ein einzigartiges Ensemble mit künstlerisch und technisch höchsten Ansprüchen, dessen weltweiter Erfolg nur eine Frage der Zeit war.

Parallel zu dieser, seiner bereits zweiten Karriere, widmete Gordejew sich einer weiteren Leidenschaft – der Choreographie. Das Spektrum seiner Arbeiten umspannt ein sehr weites Feld – von der vierminütigen Bagatelle bis zum abendfüllenden Ballett. 1992 wurde ihm in Dushanbe der begehrte Maurice Béjart Preis für die beste zeitgenössische Choreographie verliehen. Sein Meisterwerk ‘Tango’ gehört bereits zum festen Repertoire des Moskauer Bolschoi Balletts. Trotz des großen Erfolges seiner modernen Arbeiten, liegt ihm das klassische Ballett besonders am Herzen; für ihn ist es der Ursprung jedes heute getanzten Balletts.

An den Ausgangsort seiner Karriere, das Bolschoi, kehrte er 1995 nochmal für zwei Jahre als Künstlerischer Direktor zurück und kümmerte sich dort vor allem um die Ausbildung der Tänzer. Primaballerina Nina Ananiashvili, die wohl bedeutendste Tänzerin unserer Zeit: „Für einen Tänzer ist es eine große Chance, mit Gordejew arbeiten zu dürfen. Die Zusammenarbeit mit ihm zeichnet sich durch seine hellwache kritische Unterstützung aus. Uneigennützig und immer bereit, einen an seiner reichen Erfahrung teilhaben zu lassen“. Seine Arbeit sei gekennzeichnet „durch kompromisslose Härte auch gegen sich selbst, gerade so, als sei er jeden Tag zum ersten Mal auf der Ballettbühne“.

Im Dezember 1999 setzte das Moskauer Ballettensemble neue Erfolgsmaßstäbe in der klassischen Ballettszene: im Stockholmer ‘The Globe’ tanzt sich die Truppe mit ihrer Interpretation und Darstellung des Schwanensee an nur einem einzigen Abend in die Herzen von elftausend(!) Zuschauern.

Ein weiterer Traum Gordejews erfüllte sich im Jahr 2000. Neben zahlreichen Tourneen im In- und Ausland gastierte die Compag­nie erstmals in China. Nach der mit Begeisterung aufgenommenen Tournee durch die größten Städte bat man das Ensemble, die umjubelten Gastspiele auch 2001 fortzusetzen.

Neue reizvolle Aufgaben

Nach solchen Höhepunkten in seiner künstlerischen Karriere hätte sich Gordejew entspannt zurücklehnen und sein Leben in ruhigere Bahnen lenken können. Doch er entwickelte eine eigene Methode der „Entspannung“: er choreographierte ein komplettes Ballettstück in drei Akten. Anlässlich des 20. Geburtstages der Truppe wurde in der Saison 2002 diese neue
Produktion in das Repertoire des Ensem­bles aufgenommen: Gordejews Interpreta­tion der märchenhaften Geschichte von ’Cinderella‘!

Der sympathische Kosmopolit und Workaholic Gordejew ist in seiner künstlerischen Schaffenskraft nicht aufzuhalten. So wurde er im Frühjahr 2003 zum Ballettdirektor des ‘Ballett Theater Ekaterinenburg’ berufen. Fast zeitgleich erarbeitete er eine weitere große Ballettproduktion, Schneitzhoeffers ‘La Sylphide’, die in Moskau 2004 Premiere feierte.
Gordejews Biographie umfasst Jahre voller Aktivität – als Künstlerischer Leiter des Bolschoi Balletts, Professor der Russischen Akademie der Theaterkünste und der Russischen Akademie für Slawische Kulturen. Er war Vorsitzender und Jury-Mitglied verschiedener internationaler Ballettwettbewerbe und ist offizieller Botschafter der Rudolf Nureyev Stiftung in Russland und den ehemaligen Sowjetischen Republiken. 2007 wurde er Abgeordneter in der Duma der Region Moskau, einem Gebiet von der Größe Frankreichs, und übernahm den stellvertretenden Vorsitz des Ausschusses für Bildung und Kultur.

Menschen wie Gordejew, die auf ihrer Suche nach Harmonie selbst die größten Mühen nicht scheuen, verdienen tiefsten Respekt. In einem Interview sagte Gordejew einmal: „Ein Tänzer muß ehrlich sein. Er sollte stets so tanzen, als wäre es für ihn das erste und das letzte Mal“. Daran hat Gordejew sich immer gehalten.