Olga Kokhanchuk, Balletttrainerin

„Ohne sie wäre ich nicht da, wo ich heute bin.“

Tatiana Bolotova, frühere vielfach ausgezeichnete Solistin des SRBM, antwortete vor kurzem in einem Interview auf die Frage: ‚Haben Sie einen Mentor oder andere Ballerinen, die Sie bewundern?‘ „Die Ballerinen Uliana Lopatkina und Evgenia Obraztsov inspirieren mich sehr, aber mein wahrer Mentor ist Olga Kokhanchuk, meine Ballettlehrerin. Ohne sie wäre ich heute nicht da, wo ich bin.“

Wir möchten Ihnen hier eine außergewöhnliche Frau näher vorstellen, deren verdienstvolle Arbeit mit den Tänzerinnen und Tänzern sich normalerweise dem Blickfeld des Publikums

entzieht aber für den Erfolg der Compagnie und ihrer herausragenden Solisten  unverzichtbar ist und nicht hoch genug geschätzt werden kann. Schon seit nahezu drei Jahrzehnten betreut sie als Ballettpädagogin und -trainerin die Tänzerinnen und Tänzer des Staatlichen Russischen Balletts Moskau und wird dafür gleichermaßen geliebt wie

gefürchtet. Ihr eigenes Debüt auf der Bühne gab sie mit 19 Jahren und arbeitet auch heute noch im stolzen Alter von 73 Jahren aktiv als Lehrerin.

 

Seit mehr als einem halben Jahrhundert am Ballett, intensivem Training unterworfen und der Notwendigkeit, sich ständig in Form zu halten - vor diesem Hintergrund waren wir gespannt auf ihre Lebenserfahrungen und trafen Olga Kokhanchuk zu einem aufschlussreichen Gespräch.

 

Zunächst wollen wir aber auch einige Schlaglichter auf die frühen Stationen ihres Werdegangs werfen. Olga Kokhanchuk kam 1942 in Donezk (Ukraine) zur Welt. Ihre Kindheit war geprägt durch Kriegs- und Nachkriegswirren. Gemeinsam mit ihrem Bruder wurde sie von ihrer Großmutter aufgezogen. Die alte Dame legte großen Wert auf musische Erziehung

und schickte ihre Enkelin zunächst auf eine Musikschule, wo sie Violine und Klavierspiel lernte, allerdings ohne große Leidenschaft. Mit dem Theater oder gar dem Ballett kam sie zunächst nur wenig in Berührung.

 

Das änderte sich nach dem sie, ohne ihre Großmutter zu fragen, in ein örtliches Tanzstudio wechselte, wo die einstige Ballerina Natalia Henchel ihre Lehrerin wurde und ihre Schülerin für das Ballett begeisterte. Schon als Viertklässlerin organisierte Olga eine Tanzgruppe und

studierte kleine Tänze ein, die sie auch bei Schulveranstaltungen aufführte. Zur Belohnung für ihre guten Noten und ihr Engagement an der Schule durfte sie ein Kindercamp auf der Krim besuchen. Wegen einer Erkrankung blieb sie dort aber länger als vorgesehen und lernte in dieser Zeit sogar etwas Deutsch.

 

Im Camp gab es eine Tanzgruppe unter der Leitung der Bolschoi-Ballerina Irina Dobel. Olga war zwar sehr neugierig, aber zu scheu, um im Unterricht mit zu machen. Irina Dobel bemerkte ihr Interesse und lud das schüchterne Mädchen ein, an einer Klasse teil zu nehmen. Später studierte sie mit ihr sogar extra einen Tanz zur Musik von Anatoli Nowikow (Smuglyanka) ein. Da ahnte sie noch nicht, wie wichtig dieser Tanz nur wenig später für sie werden würde. Bei der Abreise empfahl ihr Irina Dobel, es mit professionellem Ballett zu versuchen.

 

Wieder zu Hause wurde ihr wegen ihres angeblich schwachen Herzens verboten, weiterhin einen Tanzkurs zu besuchen. Das hat sie allerdings nicht davon abgehalten, sich an die Ballett Akademie in Perm (damals Molotow) zu bewerben. Mit ihren gerade mal 12 Jahren fuhr sie ohne Begleitung zur Aufnahmeprüfung.

 

„Ich musste 150 km zu Fuß zum Bahnhof laufen, um den Zug nach Molotow zu erreichen. Es ist ein großer Segen, wenn sie wissen, was Sie wollen. Ich wollte unbedingt tanzen, und diesem Ziel ordnete ich alles andere unter. Eine Fahrkarte kostete 300 Rubel, viel Geld damals. Ich wäre beinahe auf der Polizeiwache gelandet, denn einige Offiziere fragten sich, warum ein so kleines Mädchen ohne seine Eltern reise. Ich erklärte ihnen, dass ich zur Ballettakademie nach Perm wolle, und nachdem ich sie überzeugt hatte, halfen sie mir. Nach vier Tagen kam ich ziemlich ausgehungert in Molotow an. Bei der Prüfung habe ich dann den im Kindercamp einstudierten Tanz gezeigt. Die Juroren waren trotz meiner geringen Körpergröße der Meinung, ich besäße eine gute Energie auf der Bühne, und ich wurde in die Akademie aufgenommen. Die Lehrkräfte dort - Ekaterina Heidenreich, K. A. Esaylova, Ninel Danilowna Silvanovich, um nur einige zu nennen - waren großartig und lehrten den alten russischen Stil. Während des Krieges war das „Mariinski-Ballett“ des Kirov-Theaters nach Perm evakuiert worden. Dies ist übrigens der Grund, dass sich dort eine heute so bedeutende Ballettakademie entwickelte. Sie verpflegten uns zwar kostenlos, aber es gab keinen Schlafsaal. Um mir eine kleine Wohnung leisten zu können, half man mir, einen Job zu finden. Ich unterrichtete dann Rhythmik und Klassiker an einer Höheren Schule. Eigentlich hat meine Lehrtätigkeit also schon sehr früh begonnen.“ (Sie lacht...)

 

Nach dem Abschluss an der Ballettakademie in Perm ging Olga Kokhanchuk 1961 an das gerade neu etablierte Nationale Musik-Theater in Syktyvkar (damals Hauptstadt der Autonomen Sowjetrepublik Komi). Dort entstand das Ballett „Yag-Mort“ („Der Waldmann“) nach einer berühmten Komi-Legende. (Komponist war Jakov Perepelica, die Choreographie hatte Grigory Vakhovsky übernommen.) In diesem neu geschaffenen Ballett tanzte Olga Kokhanchuk die weibliche Hauptrolle, die „Raydi“. Im Jahr 1962 trat sie sogar im Kreml-Theater auf. Das Gastspiel wurde ein beachtlicher Erfolg, sogar im nationalen Fernsehen gezeigt und anschließend in Leningrad, Kirow, Izhevsk, Archangelsk und vielen anderen Städten erfolgreich aufgeführt.

 

 

Olga Kokhanchuk als „Raydi“ nach einer Aufführung von „Yag-Mort“ 1962  (in der Komi-Mythologie ein böser Waldmensch, der Frauen in den Wald entführt und tötet). In der Mitte Olga Kokhanchuk mit Komponist Yakov Perepelica (li) und Choreograph Grigory Vakhovsky (re).

O. Kokhanchuk,
I. Kochetkov in
„Don Quixote“

Am Theater in Komi tanzte Olga Kokhanchuk in den nächsten Jahren u. a. die Rollen der Giselle (Musik A. Adam), der Marie und der Kitri („Don Quixote“, Musik L. Minkus „) und der Odette-Odile („Schwanensee„, Musik P. I. Tschaikowsky) und wurde so zu einer der bekanntesten russischen Künstlerinnen. Für ihren bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der Künste erhielt sie u. a. die hohe Auszeichnung „Ehrenorden“ der Republik Komi. Auch der Aufstieg des Theaters Komi ASSR im Jahr 1992 zu einem „Staatlichen“ Theater für Oper und Ballett ist zu einem wesentlichen Teil auf Olga Kokhanchuks Arbeit zurück zu führen.

 

Ihr Talent und ihre unermüdlicher Einsatz war auch dem Nationalkünstler der UdSSR und Preisträger des Lenin-Preises, Wjatscheslaw Gordejew aufgefallen, der im Theater in Syktyvkar mit Nadezhda Pawlowa für einige Zeit getanzt hatte. Als dann der legendäre Ballettmeister Asaf Messerer ihm anbot, die künstlerische Leitung des Staatlichen Russischen Balletts Moskau zu übernehmen, engagierte Gordejew umgehend Olga Kokhanchuk als Balletttrainerin. Seit dem Jahr 1985 arbeitet sie nun dort mit all ihrer Begeisterung für den klassischen Bühnentanz.

 

Es ist noch gar nicht lange her, am 18. Mai 2015, dass die Aufführung „Leben für den Tanz“ von W. M. Gordejew auf der großen Bühne des Verwaltungsrats der Russischen Föderation einen großen Erfolg feiern konnte. Am selben Tag, übrigens ihr Geburtstag, wurde Olga Kokhanchuk als eine der führenden Ballettpädagoginnen und -trainerinnen für Russisches Ballett geehrt: Für ihren bedeutenden Beitrag zur Kunst des Balletts erhielt sie eine Ehrenurkunde als Ausdruck außerordentlicher Wertschätzung.

Als Balletttrainerin unerbittlich, als Mensch liebenswert und herzlich

„Seele und Körper arbeiten zusammen und bilden eine Einheit.“

 

Olga Kokhanchuk hat uns freundlicherweise zu einem kurzen Interview empfangen. Darin ging es nicht nur um ihr Leben als Tänzerin und Lehrerin sondern auch um das Ballett generell:

 

Kann man sagen, das Corps de Ballet sei das Gesicht einer Compagnie?

 

„Ja, das kann man. Ballett ist die Kunst der Bewegung. Ich lege besonderes Augenmerk auf das Corps de Ballet, denn die jungen Tänzerinnen werden nach Größe aufgestellt, so dass sie in ihrer Gesamtheit als Einheit wirken. Arme und Beine sollten synchron eine möglichst gerade Linie bilden. Insgesamt ist es auch hier tagtägliche harte Arbeit: Proben, proben und nochmals proben.“

 

Worin liegt nach Ihrer Meinung die Seele des Tanzes?

 

„Das Russische Ballett hat sich schon immer dadurch ausgezeichnet, dass es Seele hatte und noch immer hat. Man benötigt in jedem Fall eine gute Technik, aber man muss auch den Charakter einer Rolle verinnerlichen, die Inspiration der Tänzer ist dabei unabdingbar, denn Seele und Körper arbeiten zusammen und bilden eine Einheit.“

 

Tragen also vor allem Seele und Aura eines Ausnahmetänzers seine Interpreta-tion auf der Bühne, so dass dies direkt spürbar ist für die Zuschauer?

 

„Ja, genau! Alle großen Meister - Wladimir Wassiljew, Wjatscheslaw Gordejew, A. Bogatirev, U. Vladimirov - lebten, um zu tanzen. Sie haben sich auf der Bühne komplett verwandelt, ihre Bewegungen und ihre Mimik folgten der Inspiration, geleitet durch die klassischen Ausdrucksformen - von heroisch bis lyrisch-romantisch. Herausragende Choreografien genauso wie kraftvolle Sprünge, die fast schon Flügen gleichen, versetzen das Publikum in Ehrfurcht. Und dann die unvergesslichen Duette, die vielleicht am Besten die Seele des Tanzes verkörpern: Wladimir Wassiljew und Ekaterina Maximova, Wjatscheslaw Gordejew und Nadezhda Pawlowa! Nicht zu vergessen das ganz außergewöhnliche Talent der leider vor kurzem verstorbenen Maya Plisetskaya. Sie hatte eine wundervolle und lange Karriere, zu der nur wenige wirklich befähigt sind. Es ist gut zu wissen, dass es noch weitere großartige Ballerinen gibt. Ich bewundere z.B. auch sehr Uljana Lopatkina vom Mariinsky, Nina Kaptsova und Svetlana Zakharova vom Bolshoi.“

 

Wann geht eine Ballerina in den Ruhestand? Ist es schwer für einen Ballettkünstler, älter zu werden?

Olga Kokhanchuk beim Festakt anläßlich ihrer Ehrung 2015

„Genau so, wie für jeden anderen auch,es ist ja ein natürlicher Prozess. Trotzdem ist es für Ballettkünstler eine besonders schwierige Situation. Unsere Tänzer gehen im Allgemeinen nach 20 Jahren in den Ruhestand. Aber was dann? Nicht jeder hat ein zweites Standbein. Einige studieren, um als Ballettpädagoge, Choreograph oder Ballettmeister zu arbeiten, aber nicht jeder verfügt über die dazu nötigen Voraussetzungen. Andere werden daher oft Kostümschneider, Maskenbildner, Fotografen oder ähnliches.“

 

Wladimir Wassiljew ebenso wie Nadehzda Pawlowa wechselten zum Film als Regisseur bzw. Schauspieler(in).

 

„Ja, aber nicht alle sind entsprechend talentiert und nur wenige haben so viel Glück. Künstler wie Schauspieler, Musiker oder Maler sind auch noch gefragt, selbst wenn sie 60 oder 70 Jahre alt sind. Aber Menschen wie wir scheitern aufgrund der hohen Arbeitsbelastung oft schon dabei, auch nur eine Familie zu gründen.“

 

Welche Eigenschaften schätzen sie am wenigs­ten bei jemandem?

 

„Unehrlichkeit und Lügen, das kann mich regelrecht krank machen.“

 

Wie haben Sie es geschafft, so viele Jahre eine gute körperliche Form zu halten? Tun Sie täglich etwas dafür oder ernähren sie sich speziell?

 

„Nichts wirklich Besonderes. Ich stehe früh auf, so um 6 oder 7. Ich frühstücke gut und trinke gern eine Tasse Kaffee. Zu Mittag esse ich nicht immer, manchmal ja, manchmal auch nicht. Natürlich gibt es Abendessen, meist spät, aber niemals zu viel.“

 

Könnte man sagen, aktiv zu bleiben ist die billigste Medizin auf der Welt und eine der effektivsten?

 

„Ja, das ist richtig. Mein aktiver Lebensstil unterstützt meine Gesundheit. Ich lebe für das Theater. Ich würde bei einer neuen Inszenierung sogar die Nacht über dort bleiben, um alles vorzubereiten. Dass ich mit einem Herzfehler lebe, daran habe ich noch nie viele Gedanken verschwendet. Ich habe einfach getanzt, habe unterrichtet und war glücklich; vielleicht ist das auch ein Grund, warum ich gesund bin. Ich nehme keinerlei Medikamente und werde selten krank.

 

Im Übrigen arbeite ich weiter wie immer. Die körperlichen Anforderungen haben sich mit den Jahren nicht verändert. Und das sind nicht wenige. Als Ballettpädagogin- und trainerin erkläre ich nicht nur und korrigiere Tanzschritte und Bewegungen, sondern führe auch selbst einige Tanzelemente vor. Ich glaube, dass Schönheit genauso wie Gesundheit im Bewegen liegen, man muss in Bewegung bleiben, auch wenn es schwer fällt. Aber das Wichtigste ist, an seine Ziele und den Erfolg zu glauben. Genauso ist es wichtig, positiv zu denken. Sie müssen daran glauben, dass Sie gesund sind.“

 

Wir danken Ihnen für diese interessante Unterhaltung.

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