Die Rollen seines Lebens

Bei Ballettenthusiasten und Kritikern noch immer legendär

Wjatscheslaw Gordejew, Absolvent der weltberühmten Moskauer Ballett-Akademie und einstiger Starballerino des Bolschoi Balletts, wurde mit seinen Rollen in ‘Giselle‘, ’Spartakus‘, ’Legende der Liebe‘, ’Der Nussknacker‘ und ’Don Quixote’ zum gefeierten Weltstar.

Ballet mit Nadeschda Pawlowa und Wjatscheslaw Gordejew
Nadeschda Pawlowa und Wjatscheslaw Gordejew in Ikarus – Choreographie: Wladimir Wassiljew Bolschoi Theater 1978

Bereits als Kind, bei seinen ersten Schritten während des täglichen Tanztrainings, wurden seine Lehrer auf sein außergewöhnliches Talent aufmerksam. Er habe „das gewisse Etwas“, verkündet sein Lehrer und bestand darauf, er solle zur Zulassungsprüfung an der berühmten Moskauer Ballett-Akademie angemeldet werden. Von 600 Bewerbern wurden nur drei Kandidaten in die Elite-Akademie aufgenommen. Gordejew war einer von ihnen und nur ihm gelang dann später eine internationale Karriere. Dankbar bezeichnet Gordejew auch heute noch die umfassende Kompetenz und Autorität seiner damaligen Lehrer Pjotr Pestow, Assaf Messerer, Alexei Varlamov und Leonid Lavrovsky als unverzichtbar für seine Karriere, ganz zu schweigen von der Zusammenarbeit mit den Legenden Galina Ulanova und Marina Semyonova.

Als Student reiste Gordejew mit dem Ensemble der Moskauer Ballett Akademie nach Frankreich und England. Gordejew war der Liebling des Pariser Publikums, in London feierte man den Blondschopf voller Bewunderung als den „Golden Boy“.

Wjatscheslaw Gordejew beim Ballett Training

W. Gordejew (Bildmitte) in der Meisterklasse mit Asaf Messerer (im Bild links) am Bolschoi Theater

Wjatscheslaw Gordejew mit Alexei Varlamov

Noch als Student sorgte Gordejew während einer Gastspielreise mit dem Ensemble der Moskauer Ballett Akademie erstmals in Paris und London für Aufsehen. Beim Pas de deux aus „Flammen von Paris“, dem Adagio aus Prokofjews „Stone Flower“ oder seinen Variationen des Phönix aus R. Gliers Ballett-Suite „Roter Mohn“ brandete Szenenapplaus auf. Letztere musste der neue Publikumsliebling bis zu drei Mal pro Abend als Zugabe tanzen.

Dieser außergewöhnliche internationale Erfolg blieb auch in Moskau nicht ohne Resonanz und Gordejew erhielt schon bald nach seiner Rückkehr sein erstes festes Engagement – und das gleich beim legendären Bolschoi-Ballett. Als erste Partie tanzte er hier 1969 den Harlekin in Tschaikowskies „Der Nussknacker“ und stieg schon nach kurzer Zeit zum Solisten der wohl berühmtesten Ballettcompagnie der Welt auf. In der Folge tanzte er den Pan in Charles Gounods Walpurgisnacht, 1970 dann den Pas de deux in Giselle, beide in der Choreografie von Leonid Lawrowsky, sowie eine Reihe weiterer kleinerer Rollen, u. a. in Cinderella und Schwanensee (Pas de trois, 1971), in denen es ihm gleichwohl gelang, das verwöhnte Moskauer Ballettpublikum auf sich aufmerksam zu machen.

Schon 1971 debütierte er in der Uraufführung des “Ikarus“ nach der Musik von Sergei Slonimsky in der Choreographie Wladimir Wassiljew.

In dieser Zeit nahm ein besonderes Kapitel seiner Karriere seinen Anfang, als er erstmals in jenem Ballett auftrat, dessen Titelrolle wohl für immer mit seinem Namen verbunden bleiben wird und mit der er später weltweit die überschwänglichste Begeisterung auslöste: In Aram Chatschaturjans abendfüllendem Ballett „Spartakus“ in der Choreografie von Juri Grigorowitsch tanzte er 1970 zunächst die kleinere Partie des Hirten, bevor er später mit seiner Interpretation der namensgebenden Hauptrolle Ballettgeschichte schrieb und zum Inbegriff des ‚Spartakus‘ wurde. Doch zunächst gewann er 1973 die Goldmedaille beim Internationalen Ballettwettbewerb in Moskau – ein Ritterschlag in der klassischen Ballettszene.

Bei den anschließenden ausgedehnten Auslandstourneen schaffte Gordejew dann endgültig den internationalen Durchbruch. Seine Art der Interpretation der Titelrolle in ‘Spartakus’, machte ihn zum Superstar selbst in den Vereinigten Staaten, während der Kalte Krieg noch die Weltpolitik bestimmte. Bei der Gestaltung dieser Rolle konnte er der Moskauer Tradition des Bolschoi Balletts einschließlich ihrer Schule, die insbesondere das athletische Element des klassischen Tanzes betont, ein neues Glanzlicht aufsetzen. Der ‘Spartakus‘ wurde für fast ein Jahrzehnt sein Markenzeichen.

Wjatscheslaw Gordejew und Nadeshda Pavlova im Ballett Der Nussknacker

Wjatscheslaw Gordejew und Nadeshda Pavlova, „Der Nussknacker“ Bolschoi Ballett, Moskau 1986

Nina Ananiashvili und Gordejew im Ballett Don Quixote

Nina Ananiashvili und Gordejew in „Don Quixote“

Wjatscheslaw Gordejew mit Elena Knyazkova im Ballett Don Quixote

Gordejew mit Elena Knyazkova in „Don Quixote“

Gordejew und Jana Kasanzewa im Ballett La Giaconda

Gordejew und Jana Kasanzewa in „La Giaconda“ (Tanz der Stunden), 1991 zum  Jubiläum des vom ihm übernommenen Ensembles auf der Bühne des größten Moskauer Konzertsaals „Rossia“

Er erweiterte sein Repertoire beständig

Er erweiterte sein Repertoire beständig und entwickelte zentrale Charaktere der klassischen Ballettliteratur, die bisweilen drastisch kontrastierten: Die Nussknacker-Puppe und den Nussknacker-Prinzen, den Prinzen Desiré in „Dornröschen“, den Romeo in „Romeo und Julia“, den Basil in „Don Quixote“, schließlich den Ikarus in Sergei Slonimsky‘s gleichnamigem Ballett und viele andere.

Gordejews tänzerische Qualität zeichnet sich durch außergewöhnliche Virtuosität, gepaart mit Temperament und gewaltiger Sprungkraft aus, und doch bleibt er dabei ein ausgesprochen gefühlvoller lyrischer Tänzer Gordejews Bolschoi Kollegen heben seine sprudelnde Kreativität und seinen eisernen Willen hervor. Von „sensationellem Können“ und „elektrisierend-emotionaler Virtuosität“ wird gesprochen. Mikhail Lavrovsky, selbst bedeutender Tänzer und Choreograph von Weltruhm: „Gordejew setzt sich mühelos über alle technischen Grenzen hinweg”. Und auch Boris Khokhlov, gefeierter Bolschoi-Star der 1960er Jahre, bewunderte schon früh Gordejews hohe technische Präzision, die Sicherheit seiner Drehungen sowie Pirouetten. Er hebt die Höhe seiner Sprünge hervor und die beruhigende Zuverlässigkeit bei der Unterstützung seiner Partner.

Zur Feier seines 55. Geburtstages im Jahr 2003, die unter dem Motto „Alles zum ersten Mal“ auf der Bühne des größten Moskauer Konzertsaals „Rossia“ statt fand, hat Gordejew ein Fragment aus dem Ballett „Onegin“ zu Musik von Tschaikowsky (Choreographie von John Cranko) getanzt, sowie im Ballett „Die Pavane des Mauren“ zur Musik von Henry Purcell nach einer Choreographie der Modern-Dance-Ikone José Limón eine Partie übernommen. Er tanzte, wie er sagte, nicht weniger gut als seine deutlich jüngeren Kollegen.
Wjatscheslaw Gordejew versteht sich als Bewahrer der Tradition des russischen Balletts. Seine überreiche Erfahrung und hochkarätige Ausbildung ermöglichen ihm, die aktuelle Situation des Tanztheaters mit hoher Kompetenz zu bewerten.

„Gegenwärtig ist die Reinheit der Linien von der Bühne verschwunden. Sie wurde von einer überzogenen Ausführung der Ballettschritte abgelöst, die eigentliche Schönheit der Tanzlinie wurde dem Schwulst geopfert. Es fehlt an der feinfühligen, nicht überbordenden Emotionalität, die für das russische Ballett typische Lyrik verschwindet mehr und mehr. Auf leise Zwischentöne wird zugunsten aufdringlicher Effekthascherei und fortwährender Übertreibungen verzichtet, das Lachen verkommt zum Gewieher. Man muss wieder lernen, die kleinen Details wahr zu nehmen, um für das Große Ganze überhaupt ein Auge zu haben.“

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