Musik für den Tanz

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky und Marius Petipa und die ewigen Meisterstücke ihrer kompositorisch-choreographischen Kooperation

Nur wenigen der größten kompositorischen Genies war es gegeben, das Antlitz der Musik für immer zu verändern. Im Bereich des Balletts ist er der Meister dieser Meister: Peter Iljitsch Tschaikowsky (1840-1893). Mit seinen legendären Kompositionen definierte er nicht nur das „Sinfonische Ballett“ und wurde damit zum Wendepunkt und Maßstab einer ganzen musikalischen Gattung – er machte sich vielmehr zu deren wahrem Inbegriff.

Sein erstes Ballett „Schwanensee“ (1877) beeindruckt vor allem durch seine sinfonische Gestaltung. In einem genialen Wurf erfand Tschaikowsky die Gattung des abendfüllenden Balletts quasi neu, führte sie in Faktur und Gehalt an jene Standards heran, die im Konzertsaal für die klassisch-romantische Sinfonie Verbindlichkeit geworden waren. In Gehalt und kompositorischer Durchführung einzigartig kann dem „Schwanensee“ auch in der weiteren Folge der Musikgeschichte bis zum heutigen Tag kaum etwas an Ballettmusik an die Seite gestellt werden – selbst „Raymonda“ von Alexander Glasunow oder „Der Feuervogel“ und „Agon“ von Igor Strawinsky ordnen sich dem „Ballett der Ballette“ unter.

Faszinierender Einblick in die „Werkstatt” der beiden Meister

Das von ihm in „Schwanensee“ gesetzte künstlerische Niveau vermochte nur Tschaikowsky selbst in seinen weiteren wunderbaren Gaben an die Ballettwelt „Dornröschen“ (1890) und „Der Nussknacker“ (1892) fortzusetzen, womit er die legendäre Trias der „Drei Tschaikowsky-Klassiker“ vollendete.

Sowohl in „Dornröschen“ wie im „Nussknacker“, die unschätzbar wertvolle Sammlungen liebevoll gestalteter musikalischer Kleinode darstellen, gelangen ihm Meisterstücke an kompositorisch-choreographischer Kooperation mit dem Choreographen Marius Petipa (1818-1910), der die Musik bis ins Detail mitbestimmte. Diesbezügliche schriftliche Aufzeichnungen haben sich erhalten und bieten einen faszinierenden Einblick in die Werkstatt der beiden Meister, deren Zusammenarbeit ebenfalls Vorbild für Generationen wurde.

So bestimmte Marius Petipa die Länge einzelner Ballettnummern auf den Takt genau, legte Metrum und Tempo fest und definierte konzis Stimmung wie Charakter der Komposition. Damit schuf er für Tschaikowsky eine Art Drehbuch, einen exakt vorherbestimmten Rahmen, der es diesem ermöglichte den funktionellen Anforderungen, die der Musik von Seiten des klassischen Balletts in großer Menge und Vielfalt erwachsen, optimal zu entsprechen.

Dennoch gab sich Tschaikowsky  in der Erfüllung dieser funktionellen Aspekte und äußeren, sehr eng gesetzten Vorgaben von Seiten der Choreographie künstlerisch nicht preis, sondern konkretisierte in seiner kompositorischen Lösung dieses fundamentalen Problems die Idee einer Kunst, die ihre Vollendung im Gleichgewicht aus funktioneller Entsprechung und inspirierter Freiheit sucht.

Damit gelang ihm der große Wurf eines Ideals, das in seiner Übereinstimmung von Inhalt, Form und handwerklicher Meisterschaft der Durchführung das Attribut „klassisch“ in höchster Vollendung repräsentiert. Wie Tschaikowsky es schaffte, die von M.Petipa vorgegebene Aneinanderreihung kurzer Einzelmomente in eine große und vereinheitlichte Form zu gießen, ohne dabei die Buntheit ebenso lebendiger wie hingebungsvoll detaillierter Schilderung der Figuren aus den Augen zu verlieren, ist ein Lehrstück kompositorischer Kunst ersten Ranges, dessen Studium nicht nur ExpertInnen, sondern allen an Musik und Ballett Interessierten innig ans Herz gelegt sei.

Besonders hervorzuheben ist dabei neben einer konzis ausgewogenen Formgebung, prägnanter rhythmischer Kraft und exakter Stimmführung das Element feinsinnig durchgeführter Instrumentation (die Kunst der Orchesterbehandlung), wobei dieser Aspekt in den erfahrenen Händen Tschaikowskys zu einem besonders effizienten Mittel wurde, um den überaus großen Farbenreichtum des musikalischen Verlaufs wie die lebendige Zeichnung des Bühnengeschehens plastisch und abwechslungsreich zu durchformen.

Schwerelos auf  „Sinfonischen Schwingen“

Die Summe all dieser Eigenschaften der Partituren machen diese zu mehr als nur einem idealen Motor für den klassischen Tanz. Viele der größten Ballerinen haben eindringlich davon berichtet, wie sehr sie bei Tschaikowskys Musik den Eindruck hatten in ihrer Bewegung „zu fliegen“, und in dieser ihrer tiefen und unmittelbaren emotionalen Wirkung trägt die Ballettmusik Tschaikowskys die Tänzerinnen und Tänzer des Staatlichen Russischen Ballett Moskau quasi schwerelos auf überwältigenden sinfonischen Schwingen durch den Abend einer Welt voll pittoresker Fantasie.

Doch welch eine Vielfalt an großartigen tänzerischen Aufgaben wird dabei durch die Musik motiviert!

Genauso wie die Partituren zu Superlativen Anlass geben, sind auch die in den drei Tschaikowsky-Klassikern gestellten Anforderungen an das Ballettensemble Maßstab tänzerischen Könnens wie klassischer Balletttechnik schlechthin.

Sie umfassen ebenso vielfältige wie dankbare Momente aus dem Charaktertanz bzw. dem Fach des demi-caractère, womit in der kraftvollen Präsenz unterschiedlicher Nationaltänze und effektvoller Rollen lebendiges und schwungvolles Kolorit imponiert, bieten breiten Raum für repräsentative halbsolistische und solistische Aufgaben und steigern sich in den Hauptpartien zum besonders ehrenvollen Aufgabenbereich für die Prima Ballerina bzw. den Danseur noble.

„Odette-Odile“ in „Schwanensee“, „Prinzessin Aurora“ in „Dornröschen“ und „Marie“ in „Der Nussknacker“ sind wahrhaft fürstliche Aufgaben für Ballerinen wie Liudmila Konovalova, einzigartige und jeden Abend aufs Neue ein Optimum an Kraft, Leistung und Ausdruck fordernde Glanzpunkte in der Karriere einer Solistin. Die Rollen erfordern ein Höchstmaß an Präzision und stellen gerade in ihrer enormen Bekanntheit die schwierige Aufgabe, wertvolle Traditionen ihrer Gestaltung zu bewahren und dennoch eine individuelle Note hinzuzufügen; Aspekte denen sich das Staatliche Russische Ballett Moskau in den choreographischen Fassungen von Wjatscheslaw Gordejew besonders verpflichtet sieht.

Kristalline Dokumente von Glanz und Größe

Tschaikowsky schenkte dem Ballett nicht nur drei unverzichtbare Ballettkompositionen; viele seiner Werke, die von ihm nicht original für Ballett komponiert worden waren, wurden in späterer Zeit zur Grundlage bekannter Choreographien, wobei insbesondere George Balanchine mit Balletten wie „Serenade“, „Allegro brilliante“, „Theme and Variations“, „Jewels“ oder „Ballet imperial“ im vergangenen Jahrhundert wesentliche Beiträge lieferte. Die Darstellung wäre unvollständig, würde man nicht auch auf die zahlreichen und stilistisch vielfältigen Bearbeitungen hinweisen, die Tschaikwoskys Kompositionen für die Verwendung im Ballettsaal und auf der Bühne erfahren haben, unter denen die fulminante Transkription des „Dornröschen“ für Klavier solo von Alexander Siloti – dem Lehrer und Cousin von Sergei Rachmaninoff – herausragt.

Dennoch bleiben die Originalfassungen der drei Tschaikowsky-Klassiker in ihrer Wirkung einzigartig und nehmen so im reichen Lebenswerk des Komponisten, das insbesondere sechs Sinfonien und weitere Orchesterwerke, zahlreiche Konzerte und Konzertstücke für Soloinstrument und Orchester, Opern, Kirchenmusik, Lieder, Klaviermusik und Kammermusik umfasst, einen besonderen Rang ein. Sie bezaubern und überzeugen als Botschafter einzigartiger Kultur, als kristalline Dokumente von Glanz und Größe.

Dr. Oliver Peter Graber

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