Schrittmacher des russischen Tanztheaters

Gordejews Choreographien

In der klassischen Tradition sieht Gordejew das A und O jedes heute getanzten Balletts, auch wenn gelegentliche moderne Elemente sich einmischen mögen. Dieses Credo verwirklicht er in all seinen Produktionen; sie reichen von der graziösen vierminütigen Bagatelle bis hin zu abendfüllenden Choreographien der Tschaikowsky-Trilogie „Schwanensee“ (1991), „Der Nussknacker“ (1994) und „Dornröschen“ (1999), deren Original-Choreographien von Marius Petipa und Lev Ivanov er kenntnis- und einfallsreich bearbeitet hat. Seine Bearbeitung hält sich bis in die Details so genau wie möglich an die ursprünglichen Versionen. Diese Neuinszenierungen klassischer Handlungsballette liegen Gordejew besonders am Herzen. So hat er beispielsweise auch „Don Quichote“, „Pasquita“, „Walpurgisnacht“ und „Coppelia“ erfolgreich wiederbelebt.

Wjatscheslaw Gordejew verfügt über eine beneidenswerte Gabe: Wenn eine Musik erklingt, „sieht“ er sofort, wie sie sich choreographieren lässt.

Auf die Frage des Journalisten T. Hammerl, ob die Choreographie von Ballettklassikern überhaupt geändert werden könne oder ob dort die Grenzen der Neuinterpretation extrem eng gesteckt seien, antwortete Gordejew:

„Das alles entscheidende Elemente in der Aufführung eines Klassikers ist die Perfektion der Ausführung. Es geht hier nicht nur darum, ein Stück zweier großer Künstler – eines Komponisten und eines Ballett-Meisters – zum Leben zu erwecken, sondern auch um ein Meisterwerk, das die Zeit überdauert hat und einen ganz eigenen Stellenwert besitzt – weltweit! Jede Generation von Tänzern wird dieses Stück ohnehin auf seine ganz eigene Art interpretieren, während es dabei das ursprüngliche choreographische Grundschema bewahren sollte. So haben die Tänzer der Gegenwart im Vergleich zu denen der Vergangenheit ganz andere körperliche Fähigkeiten – sie sind perfekter und auch die Art der Balletttechnik ist viel komplizierter. Wenn all diese Neuerungen den Stil und die Seele des Stückes nicht beeinträchtigen, dann sind sie von höchstem Nutzen!“

Hochverdient ist der Maurice-Béjart-Spezialpreis „Beste Choreographie“ bei der Russian Open Ballet Competition „Arabesque“, den der einstige, als „Golden Boy“ gefeierte Starballerino des Bolschoi nach einer besonders gelungenen Westeuropatournee seiner Compagnie 1992 in Perm erhielt. 2002 choreographierte er die märchenhafte Geschichte von „Cinderella“ als komplettes Ballettstück in drei Akten zur Musik von Sergei Prokofiev. Fast zeitgleich erarbeitete er mit Schneitzhoeffers „La Sylphide“ eine weitere große Ballettproduktion, die 2004 in Moskau Premiere feierte.

Mit großer Intensität beobachtet er Entwicklungen im modernen Tanz, um sie für seine eigenen Choreographien zu nutzen. Zu den moderneren Arbeiten Gordejews zählen u.a. „Paganini“ (nach Musik von G. F. Händel), „Melody of Love“, „Das blinde Mädchen“ oder „Schneesturm“ (Ballett in einem Akt), die den Tänzern eine besonders plastische Gestaltung der Figuren, Musikalität und intellektuellen Tiefsinn abverlangen. Sein Meisterwerk ‘Tango’ zur Musik von Astor Piazzolla nach dem Roman „Der letzte Tango in Paris“ von P. Ailey, der auch dem berühmten gleichnamigen Film von Bernardo Bertolucci (mit Marlon Brando) zu Grunde liegt, gehört heute zum festen Repertoire des Moskauer Bolschoi Balletts.

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