Der Traum vom Fliegen

Wesen und Technik des Klassischen Tanzes

„Strahlend, fast ätherisch, dem Zauberbogen der Geigen gehorsam, umgeben von einer Schar von Nymphen, steht die Istómina da; während sie mit dem einen Fuß den Boden berührt, beschreibt sie mit dem anderen langsam einen Kreis, und da! ein Sprung, und plötzlich fliegt sie, fliegt wie ein Flaum von Äolus‘ Lippen; bald führt ihre Gestalt enge, bald weite Figuren aus, und ihre flinken Füßchen schlagen gegeneinander.“ (A.S. Puschkin)

Dieses weltberühmte Zitat aus Alexander S. Puschkins „Eugen Onegin“, welches der Prima Ballerina Avdotia Istómina (1799-1848) ein unvergängliches Denkmal gesetzt hat, beschreibt das Wesen des klassischen Balletts und technische Details der tänzerischen Ausführung in unvergleichlicher poetischer Qualität.

Der Aspekt des Fliegens, des nach oben Strebens, einer unendlich befreienden Leichtigkeit des Seins, der von Puschkin so klar herausgearbeitet wurde, ist in der Tat eines der zentralsten Elemente des klassischen Balletts, das den ewigen Traum der Menschheit vom Fliegen in seinem Wesen verinnerlicht hat.

Schweben für den Augenblick

Die Illusion des Fliegens und der beinahe schwerelos wirkenden Leichtigkeit wird dabei insbesondere durch einen Effekt erzielt, den die Ballettwelt ehrfurchtsvoll als „Ballon“ bezeichnet: Dies ist die nur durch härtestes Training zu erreichende Fähigkeit während eines Sprunges den Eindruck zu erwecken, für einen Moment in der Luft „stillzustehen“.

Effektvolle Sprünge zählen zweifellos zu den spektakulärsten Elementen eines Ballettabends.

Das legendäre „grand jeté“ – der „große Sprung nach vorn“ – hat sich dabei ebenso zu einem Sinnbild und Markenzeichen für die gesamte Kunstgattung Ballett entwickelt, wie die „Manège“ – eine kreisförmig um die Bühnenmitte ausgeführte Folge von Sprüngen – als Zentrum der Virtuosität für den männlichen Solotänzer gelten mag.

Wie aber soll sich der Ballettfan in all der Vielfalt der beeindruckenden Sprünge orientieren und zurechtfinden?

… während sie mit dem einen Fuß den Boden berührt, beschreibt sie mit dem anderen langsam einen Kreis… (Zeichnung von Alexander Puschkin)

Schrittschema (Hofknicks) in: Juan de Esquivel Navarro: „Diskurse über die Kunst des Tanzes“, Sevilla 1642

Diese frühe Darstellung einer Fußposition im Fechtkampf findet sich in “Buch über die Würde des Schwertes“, Don Luis P. de Narvaez, Madrid 1599-1600

Die Rasterlinien des Fußbodens stellen keine Platten, Kacheln oder ähnliches dar, sondern dienen der exakten Bestimmung der Fußpositionen bei Angriff und Verteidigung. (Abbildung aus: Joachim Meyer, Gründtliche Beschreibung der freyen Ritterlichen und Adelichen Kunst des Fechtens, Straßburg 1570)

Sprungvarianten

Als „Erste Hilfe“ ist es nützlich sich einmal das dahinter stehende, auf der menschlichen Anatomie beruhende Grundprinzip vor Augen zu führen, danach erschließt sich manches dem Verständnis wie von selbst:

jeté:
Sprung von einem Bein auf das andere

sauté:
Sprung von einem Bein auf dasselbe

sissone:
Sprung von beiden Beinen auf ein Bein

assemblé:
Sprung von einem Bein auf beide Beine

soubresaut:
Sprung von beiden Beinen auf beide Beine

Doch auch abseits der Sprünge ist im klassischen Ballett nahezu jede Technik auf das Fliegen, die Schwerelosigkeit und das Streben nach oben getrimmt.
Wie die Psychologie weiß, ist der körperliche Ausdruck der Freude mit Bewegungen nach oben verbunden: welch schöneren Ausdruck dieses Gefühls könnte es geben als den wonnetrunkenen Jubel eines Ballett-abends, der in schwelgerischem Übermaß der Freude und allumfassenden Seligkeit in unvergleichlicher Weise Ausdruck gibt?

Ausgewählte Positionen, Schritte, Sprünge

Wesentliche Elemente des Klassischen Balletts

Arabesque – Eines der wichtigsten Elemente im klassischen Kanon: Das Standbein (auf Spitze) wird gestreckt und das Spielbein mindestens im rechten Winkel nach hinten gestreckt.

Assemblé – Sprung von einem Bein auf beide Beine, in die 1. 3. oder 5. Position (s.o.).

Jeté – Sprung von einem Bein auf das andere.

Ballon – Die nur durch härtestes Training zu erreichende Fähigkeit, während eines Sprunges den Eindruck zu erwecken, für einen Moment in der Luft „stillzustehen“.

Plié – Kniebeuge mit rascher Streckung

Sissone- Sprung von beiden Beinen auf ein Bein.

Soubresaut – Sprung von beiden Beinen auf beide Beine.

Fisch – Der Partner hält die wie ein Fisch mit dem Kopf zu Boden tauchende Ballerina in einer spektakulären Pose.

Verbindung von Tanzkunst und Fechtkunst

Das beglückende Gefühl der Schwerelosigkeit bedarf jedoch auch eines festen Fundaments, das einerseits durch die „fünf Positionen“ des klassischen Balletts und andererseits durch ein Kraft lieferndes „plié“ (eine Kniebeuge mit rascher Streckung) gestützt wird.

In den fünf Positionen und den federnd elastischen Knien verrät das klassische Ballet auch seine aristokratisch-höfische Herkunft, stehen diese Elemente wie die für den klassischen Tanz typische und sehr elegante schräge Körperausrichtung im Raum (effacé bzw. croisé) doch in enger und ursprünglicher Verbindung mit dem Fechten.

Die 5 Positionen des klassischen Balletts

Eine Sprache der Höfe, der Kriegskunst, der Diplomatie –
und des Balletts!

Gemäß diesen historischen höfischen Wurzeln, die in Italien und Frankreich liegen, ist die Fachterminologie des Balletts bis zum heutigen Tage in der französischen Sprache verankert, ein Umstand der Ballettfans den Zugang zu technischem Fachwissen nicht immer gerade erleichtert.

Andererseits sorgt die international weitgehend standardisierte französische
Fachsprache dafür, dass professionelle Tänzerinnen und Tänzer aus aller Welt unmittelbar miteinander trainieren und arbeiten können – ein sehr wichtiger Punkt für ein so viel und weit reisendes Ensemble wie das Staatliche Russische Ballett Moskau.

Ballettmeister Enrico Cechetti bei der Arbeit mit Anna Pavlova

Französisch die Eleganz, italienisch die Athletik

Technische Besonderheiten der im Kern sehr virtuosen bis stark athletischen italienischen und der betont lyrischen und eleganten französischen Schule wirken auch im russischen Ballett und seiner Geschichte bis heute fort. In ihnen liegen einige der grundlegenden Unterschiede zwischen der Moskauer und St. Petersburger Balletttradition begründet.

Einen geradezu legendären Ruf des beinharten technischen „Drills“ hat sich der italienische Ballettmeister Enrico Cecchetti (1850-1928) erworben, der eine eigene Methode des Ballettunterrichts bzw. Balletttrainings entwickelt hat. Um dieses System zu wahren, gründete sich bereits 1922 eine Cecchetti Society in London. Die Liste seiner berühmten Schüler spricht für sich, finden sich darunter doch Namen wie Pavlova, Karsavina, Vaganova, Gorsky, Fokine, Nijinsky, Massine, de Valois, Danilova, Lopokova, Markova oder Lifar.

Cecchetti zu Ehren sind einige Elemente des klassischen Tanzes nach ihm benannt, darunter z.B. die ein oder andere „Arabesque“.

Die Arabesque (solistisch oder im Pasde Deux) zählt zu den wichtigsten und dabei am einfachsten identifizierbaren Elementen im klassischen Kanon: Das Standbein (auf Spitze) wird gestreckt und das Spielbein mindestens im rechten Winkel nach hinten gestreckt. Ihr Wesen erfasst Horst Koegler in idealer Weise, indem er sie als „ausdrucksvollste Pose der romantischen Sehnsucht nach einer höheren Welt“ beschreibt.

Pierina Legnani als Odette in Schwanensee, 1895

Technische Glanzlichter: „Fouettés double“ und „Entrechat royal“

Eine italienische Ballerina (Pierina Legnani 1863-1923, siehe Abbildung li,) war es auch, die 1895 das Feuerwerk der gefürchteten 32 „Fouettés“ (en tournant) in den Schwanensee einführte, das seitdem in der Coda des Schwarzen-Schwan-Pas-de-Deux, als eines der technischen Glanzlichter des Abends, auf jede Darstellerin der „Odile“ lauert.

Für manche Ballerinen des Staatlich Russischen Ballett Moskau (wie zum Beispiel die unvergessene Ludmila Konovalova, die für ihre Interpretation der Rolle mit dem Ersten Preis des internationalen Ballettwettbewerbs in Rom ausgezeichnet wurde) stellt dies jedoch bereits eine zu geringe Herausforderung dar: Sie zeigen die Fouettés „double“ – also mit doppelter Rotation pro Drehung.

Ballettstar des Rokokko: Marie Camargo (1710-1770) Sie kürzte ihr Kostüm und trug Schuhe ohne die damals noch üblichen Absätze, um ihre technischen Möglichkeiten zu erweitern.

Der Begriff „fouetté“ selbst leitet sich vom französischen „fouetter“ (= peitschen) ab und beschreibt damit die charakteristisch schnappende bzw. peitschende Beuge-Streckbewegung im Knie des Spielbeins, mit dem die Ballerina für jede Drehung ebenso wirkungsvoll wie spektakulär Schwung holt.

Auch das von Puschkin so hoch bejubelte „Gegeneinanderschlagen der flinken Füßchen“ zählte zu den Spezialitäten der italienischen Ballerinen, insbesondere von Marie Camargo (1710-1770).

Profis ist es als „Entrechat“ bekannt und bildet ein zentrales Element in der Choreographie der „Vier kleinen Schwänchen“ im Schwanensee. Als „Entrechat royale“ ausgeführt, verweist es in seinem Namen nicht nur ein weiteres Mal auf die aristokratische Herkunft der Kunstform, sondern auch auf die technische Königsdisziplin.