Wie schreibt man’s auf?

Schriftsysteme und Notationsmethoden klassischer Choreographien

Die Liste der berühmten Schritte und legendären choreographischen Lösungen ist nahezu endlos fortsetzbar, ein großes Problem ist und bleibt jedoch die Flüchtigkeit der Kunstform Ballett, die mitunter gerade deren Zauber bewirkt.

Vor der Erfindung des Films als technisches Medium der Dokumentation von Choreographien war das Ballett auf das Gedächtnis der Ausführenden angewiesen: Choreographien wurden zumeist mündlich tradiert und von Generation zu Generation weitergegeben. Auf diese Weise gingen jedoch auch viele wunderbare Werke und einmalige Momente der Tanzkunst verloren.

Versuche, Schriftsysteme zur Notation der Choreographien zu entwickeln, führten bis zum 20. Jahrhundert, in dessen Verlauf sich das Laban- (1926) und das Benesh- (1956) System als de-facto Standards etablieren konnten, vornehmlich zu individuellen Einzellösungen, sodass zum Teil eine verwirrende Vielfalt an Schriftsystemen und Notationsmethoden existiert.

Für die Geschichte der Tschaikowsky/Petipa-Klassiker sind die tanzschriftlichen Aufzeichnungen von N. Sergeev (1876-1951) von besonderer Bedeutung, die unter anderem auch S. Diaghilev für seine Londoner Produktion des „Dornröschen“ wertvolle Dienste leisteten.

Fouette en Tournant in Labanotation

Die Benesh-Notation ebenfalls am Beispiel einer Fouette en Tournant

Sie bilden auch die Basis für die Aufführungen des Staatlich Russischen Ballett Moskau sowie
die Choreographien von Wjatscheslaw Gordejew und stellen somit die Weiterführung der großen russischen Balletttradition sicher, deren wertvollstes und zugleich unvergänglichstes Gedächtnis das Herz des Publikums ist.

Im Jahre 1892 veröffentlichte Vladimir Stepanow (1866 – 1896), Tänzer im Kaiserlichen Ballett in Sankt Petersburg, eine Notationsmethode für Tanz mit dem Titel „L‘Alphabet des Mouvements du corps humain“. Das „Alphabet der Bewegungen des menschlichen Körpers“ ist eine Notationsmethode, die auf Prinzipien der musikalischen Notation basiert. Stepanov spaltet komplexe Bewegungsmuster in Einzelelemente auf, diebestimmten Körperteilen zugeordnet sind.

Beispiel des Stepanov-Tanzschrift-Systems aus „Alphabet des mouvements du corps humain“

Diese Teilbewegungen lassen sich mittels „musikalischer Zeichen“ notieren.“Erst durch diese Methode der Tanznotation, perfektioniert von Alexander Gorski, konnten viele der Ballette des großen Choreographen Marius Petipa überliefert werden. Heute werden die nach dieser Methode notierten Choreografien in der Theatersammlung der Bibliothek der Harvard University bewahrt, bekannt als „Sergeev Collection.“

Das Notationssystem des Raoul-Auger Feuillet für die Tanz-Akademie Ludwigs XIV., die 1661 gegründet wurde, beruht auf der Überlegung, zum Zweck der exakten Wiederholung von Tanzvorgängen die Fuß-, Arm- und Handbewegungen eines Tänzers entlang einer gedachten Mittellinie aufzuzeichnen, deren Verlauf als Grundrissfigur, also räumlich ausgebreitet gezeigt wird.

Der berühmte Tanz der kleinen Schwäne aus der zweiten Szene: Eine Seite der Notation der Schwanensee-Choreographie von Petipa/Ivanov aus dem Jahr 1895.

Strichmännchen, Bodenwege, Anordnungen der Tänzerinnen, ergänzt durch Texte – Henri Justamants Giselle-Notation ist ein reizvolles Beispiel für unkonventionelle Systeme im 19. Jahrhundert.

Getanzte Partitur: Seite der choreographischen Notation von Stepanov für La Bayadère von Petipa/Minkus, circa 1900 (Sergeev Collection)